Ohne sie könnten viele kulturelle Projekte nicht überleben: Die ehrenamtlichen Helfer, auf deren Arbeit zahlreiche Kultureinrichtungen in Hamburg angewiesen sind. Seniorin Sabine Illing vom Verein Seniorenbildung Hamburg ist eine davon: Als ehrenamtliche Vorleserin will die 65-Jährige bei Kindern unterschiedlicher Nationen die Lust am Lesen wecken.
Laut einer Studie läuft bei über 70 Prozent aller Kinder täglich der Fernseher, aber nur 15 Prozent lesen ein Buch. Ist es schwierig, Kinder überhaupt für Bücher zu begeistern?
Das hängt sehr stark vom sozialen und häuslichen Umfeld und der Tagesform der Kinder ab. Ich lese nachmittags an einer Ganztagsschule vor und nach dem Unterricht sind die Kinder häufig abgespannt. Deswegen habe ich auch immer einen Plan B, damit ich improvisieren kann, wenn sie müde sind oder lieber herumtoben wollen. Dann lasse ich die Kinder zum Beispiel das Vorgelesene malen oder schiebe ein Spiel ein, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
In Schulen ist der Leistungsdruck oft sehr früh schon hoch. Ist die Zeit für das Vorlesen da ein Luxus?
Vorgelesen zu bekommen darf kein Luxus sein! Es ist immens wichtig für die geistige Entwicklung, zur Verbesserung des Wortschatzes und verschafft generell den Zugang zur späteren Bildung.
Kommt denn das Lesen normalerweise für die Kinder zuhause zu kurz?
Das hängt stark vom Elternhaus ab. Es gibt Kinder, die viel lesen, aber auch solche, in deren Familien nicht oder nur ganz wenig gelesen wird. Ich denke, dass hat auch damit zu tun, dass manche Eltern das gar nicht kennen, weil ihnen selbst in der Kindheit nicht vorgelesen wurde. Sie wissen dann nicht, wie wichtig Lesen ist und dass es gute Möglichkeiten gibt, Kinder an Literatur heranzuführen.
Welche Tricks haben Sie denn, um den Kindern Literatur schmackhaft zu machen?
Ich frage sie vorher, was sie lesen möchten – und wenn es eben das eine Lieblingsbuch zum vierten oder fünften Mal hintereinander sein soll, ist das auch okay. Ich lasse sie auch nacherzählen, um zu sehen, ob sie die Geschichte überhaupt verstanden haben. Denn häufig sind sie so überladen und erschöpft, dass ihnen Zuhören schwer fällt.
Eine Grundschulklasse kann doch sicher sehr turbulent sein. Wer in Rente geht, träumt doch eher von viel Ruhe und Freizeit?
Ich tue das gerne. Kinder sind mit das Wichtigste in unserer Gesellschaft und werden oft sehr vernachlässigt. Ich will konkret etwas tun und nicht nur leere Blasen produzieren.
In Hamburg werden gerade viele Kulturangebote gekürzt, so dass zahlreiche Projekte auf Ehrenamtliche wie Sie, die sich ohne jegliches Honorar engagieren, angewiesen sind. Ärgert Sie das?
Die Kürzungen ärgern mich sehr. Mein Ehrenamt an sich übe ich aber gerne aus, denn für mich persönlich ist es keine lästige Bürde, sondern eine Bereicherung. Ich wünsche mir, dass Kinder viel Unterstützung bekommen und mehr Menschen sich die Zeit nehmen, in ihrer Freizeit etwas zurückzugeben.
Sie betreuen jetzt seit drei Jahren dieselbe Klasse. Hat denn das regelmäßige Lesen die Kinder verändert?
Einige haben einen riesigen Sprung gemacht und lesen mittlerweile sehr schnell und gut, andere haben generell Konzentrationsschwierigkeiten. In manchen Familien wird wohl nicht so sehr darauf geachtet, dass es Leserituale gibt oder der Fernseher rechtzeitig ausgeschaltet ist.
Sie sind 65 Jahre alt. Haben Sie denn als Kind selbst vorgelesen bekommen?
Ich bin in der Zeit nach dem Krieg groß geworden und meine Eltern hatten wenig Zeit. Aber sie haben mir trotzdem vorgelesen. Ich mochte am liebsten Märchen und besitze auch noch einige der Bücher von damals. Ich will auch bald ausprobieren, wie diese Märchenbücher bei meinen Vorlesekindern heute ankommen. In meiner Schule gibt es Kinder aus 19 verschiedenen Nationen, die dann teilweise völlig unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben. Ich bin gespannt, ob ihnen die Märchen aus meiner Kindheit auch gefallen.
Seniorenbildung Hamburg e.V.Informationen und Anmeldung zu den Vorleseprojekten unter www.seniorenbildung-hamburg.de oder http://lesen-in-altona.de






